Verborgene Schätze

Pssst...Jungfer in Rotgestreift?

Roswitha Hutfilz und Markus Lohmann von der Abteilung Stadtgrün haben eine Vermehrungsaktion für den sehr seltenen Halberstädter Jungfernapfel gestartet. Lohmann bereitet hier einen etwa 15 Jahre alten Obstbaum für die Veredlung vor. Die Edelreiser des Jungfernapfels werden dann auf den vorhandenen Baum gesetzt. Foto: Jörg Endries

Halberstadt hat viele Schätze zu bieten. Bekannte und weniger bekannte. Zu den letztgenannten zählt eine seltene und noch dazu alte Obstbaumsorte, die nach Halberstadt benannt wurde – der Halberstädter Jungfernapfel.

Es ist still geworden um den Halberstädter Jungfernapfel. Die über 130 Jahre alte und im Harzvorland gezüchtete Sorte ist von schnellwachsenden und ertragsreicheren aber nicht unbedingt besser schmeckenden Hybridsorten fast völlig vom Markt verdrängt worden, berichtet Roswitha Hutfilz von der Abteilung Stadtgrün. Die Stadt Halberstadt will zur Erhaltung der seltenen Sorte beitragen. Und so wird der Halberstädter Jungfernapfel zum Schatz erklärt.

Ein willkommener Anlass dafür sind die Halberstädter Schatzjahre. Die Kostbarkeit spielt im Schaugarten Halberstadts auf der Landesgartenschau in Burg als Botschafter der Kreisstadt eine Hauptrolle. Der Baum soll auch in der Stadt, deren Namen er trägt, wieder eine größere Rolle spielen. In dieser Woche ist bereits mit der Umsetzung des Vorhabens begonnen worden.

Im landschaftlich schönen Süden der Kreisstadt, auf einer alten Streuobstwiese, haben Mitarbeiter der Abteilung Stadtgrün eine Vermehrungsaktion gestartet. Dort stehen unter anderem etwa 100 alte Obstbäume. Vor fünf Jahren sind 40 damals etwa acht Jahre alte Apfel-, Birnen-, Kirsch- und Pflaumenbäume als Ausgleichspflanzung für im Stadtgebiet gefällte Bäume dazu gekommen. Zehn Apfelbäume haben nun die Ehre eine „Ehe“ mit dem Halberstädter Jungfernapfel einzugehen und damit zum Sortenerhalt beizutragen. „Diese alte regionale Sorte soll wieder vermehrt angepflanzt werden, um ihre Vorzüge wie Robustheit und geschmackliche Qualitäten präsentieren zu können“, betont Roswitha Hutfilz, die mit ihrem Kollegen Markus Lohmann am Mittwochnachmittag zur Tat geschritten ist.

Allerdings galt es vorher noch ein Problem aus der Welt zu räumen. Vom Halberstädter Jungfernapfel stehen nämlich auf Grund seiner Seltenheit aktuell auf dem Markt nur wenige hochstämmige Bäume zur Verfügung, so Roswitha Hutfilz. Dennoch steht das Vorhaben unter einem guten Stern.

„Dr. Thomas Schlegel von der Landesanstalt für Landwirtschaft und Gartenbau Sachsen-Anhalt in Ditfurt hat für die Vermehrungsaktion sogenannte Edelreißer von Mutterbäumen dankenswerterweise zur Verfügung gestellt, berichtet Roswitha Hutfilz. Die Stadt habe die Edelreiser des Jungfernapfels zum Nulltarif erhalten. So konnte die Aktion zum Sortenerhalt in Halberstadt starten.

Das Prozedere zur Vermehrung ist eigentlich einfach und dennoch muss der Laie aufpassen, damit man den Vorgang versteht. Die auserkorenen Altbäume sind aus einer Verbindung von zwei Apfelsorten hervorgegangen. Die Unterlage ist ein tiefwurzelner sogenannter Bittenfelder Sämling, der am Stammansatz bereits mit einer anderen Apfelsorte veredelt wurde. Dieser mittlerweile fast drei Meter hohe Baum wird nun im Kronenbereich vorsichtig zurückgeschnitten und für die Hochzeit vorbereitet, erklärt Markus Lohmann.

Mit einem scharfen Messer spitzt Lohmann den Mittel- und drei Seitentriebe an. Ebenso die kostbaren Edelreiser des Jungfernapfels und verbindet die offenen Stellen fest miteinander. Wachsen sie an dieser Stelle erfolgreich zusammen, gibt es einen neuen Halberstädter Jungfernapfel. Bei günstigen Bedingungen und guter Pflege prophezeit Markus Lohmann den neuen Bäumen ein mit 60 bis 80 Jahren hohes Alter.

„Ich schätze, 2020 können wir die ersten schmackhaften Früchte ernten“, sagt der Baumexperte. Wahrscheinlich keine große Ernte, aber es gibt schon einen Plan, was damit geschehen soll, informiert Roswitha Hutfilz. Der Apfelsaft soll zu einem hochprozentigen Obstbrand veredelt werden. Die erste Ernte wird nur wenige Flaschen füllen und den Tropfen, wie es der Baum bereits ist, zu einer Kostbarkeit küren.

Halberstädter: Die Sorte ist um 1800 im Harzvorland gezüchtetworden.
Pflückreife – September
Fruchtgröße – mittelgroß
Geschmack – ausgeglichen süßsauer
Anbau – Vorwiegend für Grasgärten, an breiten Straßen und Wegen geeignet
Jungbäume – werden in regionalen Baumschulen angeboten.

von Jörg Endries | Volksstimme vom 07.04.2018

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