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17. August 2018

Mein Schatz - Leben mit Dampfmaschinen

Meine erste Dampfmaschine bekam ich zu Weihnachten 1941. Schon vor dem Aufstehen hörte ich von nebenan aus dem Wohnzimmer ein mir nicht bekanntes surrendes Geräusch.

Manfred Schubert vor seinem Schatz, den Dampfmaschinen

Als wir Geschwister dann endlich aufstehen durften und die Tür geöffnet wurde, sah ich zum ersten Mal das muntere kleine Maschinchen arbeiten. Es trieb fleißig kleine Modelle an: einen Scherenschleifer, eine Wassermühle mit Hammerwerk, einen Brunnen mit Pumpe und noch ein Schöpfrad.

Diese kleine Anlage hat mich mein ganzes Leben begleitet. Es gibt sie noch und sie arbeitet auch noch. Alle kleinen Modelle sind noch vorhanden. Allerdings hat sie nun eine gründliche Auffrischung nötig.

Während meiner Schulzeit gab es Betriebsbesichtigungen. Das gehörte damals zur Vorbereitung auf das spätere Berufsleben. So lernte ich im Halberstädter E-Werk eine sehr schöne große Dampfmaschine kennen, die einen Gleichstromgenerator antrieb. Sie war eigentlich eine Schiffsdampfmaschine und leistete 1.000 PS. Sie wurde 1908 in Dresden-Übigau gebaut, in der selben Fabrik, in der Johann Andreas Schubert 1838 die erste Deutsche Dampflokomotive, die „Saxonia“ baute. Ich verliebte mich gleich richtig in sie. Weitere Erlebnisse gab es durch die Besichtigung der Walzenzugmaschinen im Eisenhüttenwerk Thale und im Walzwerk Ilsenburg. Beide waren sehr starke Dampfmaschinen. Während der Lehrausbildung war ich zeitweilig auch im Halberstädter E-Werk tätig und konnte mich nun gründlich mit „meiner“ Dampfmaschine befassen. Nach erfolgreichem Abschluss der Ausbildung durfte ich sie auch „fahren“. Meister Kersten war aber immer in der Nähe.

Während des Studiums in Meißen unternahm ich mehrere Fahrten mit der Dresdner „Weißen Flotte“. Fast alle Schiffe hatten Dampfmaschinen mit oszillierenden Zylindern als Antrieb der Schaufelräder. Etliche von ihnen haben die Zeiten überstanden und fahren heute noch. Es ist immer wieder imposant, einen Blick in den Maschinenraum zu werfen und den schaukelnden Zylindern von oben zuzusehen. In der Ingenieurschule Meißen hatte ich, wohl als einer der Letzten, Dampfmaschinenkunde. Bücher über Dampfmaschinen gehören zu meinen besten Freunden.

Bei einem Besuch im SKL Magdeburg vor vielen Jahren hatte ich Glück und habe noch eine der letzten großen Dampfmaschinen, die dort für Frachtschiffe der Neptunwerft mit Abdampfturbine gebaut wurden, gesehen.

Seit einigen Jahren befasse ich mich mit dem berühmten Erfinder Wilhelm Schmidt (1858 - 1926) aus Wegeleben. Dampfmaschinen hatten trotz der bekannten Verbesserungen von James Watt keinen guten Wirkungsgrad. Durch die Einführung von Heiß- und Hochdruckdampf veränderte Wilhelm Schmidt das. Dadurch konnte ein Zeitraum in der technischen Entwicklung überbrückt werden, bis Dieselmotoren und elektrische Antriebe für höhere Leistungsbereiche eingesetzt werden konnten. Besonders im Verkehrswesen und der Energiewirtschaft haben Wilhelm Schmidts Erfindungen Spuren hinterlassen. Stolze Dampfrösser, wie die noch einsatzfähige Schnellfahrlokomotive 18 201 oder die Harzer „Bergkönigin“ 95 023 fahren mit Schmidt-Überhitzern. Das gilt auch für die noch betriebenen Dampfkraftwerke. Wilhelm Schmidt ist für uns nicht nur aus technischer Sicht eine wichtige Persönlichkeit der Region. Seine Herangehensweise an die Lösung von Problemen ist auch heute noch wichtig, vor allem für junge Menschen. Durch seine akribische Arbeitsweise untersuchte er jedes Detail und konnte so über 1.000 Patente erwerben.

Viele schöne Maschinen sind im Laufe der Zeit verschrottet worden. Für Interessenten gibt es aber immer noch Möglichkeiten, sich mit Dampfmaschinen zu befassen. So wurde durch das Mansfeld-Kombinat 1985 die erste deutsche Dampfmaschine in Wattscher Ausführung von 1785 im Original nachgebaut. Sie steht im Hettstedter Mansfeld-Museum und kann besichtigt werden. Nur wenige Meter von ihr entfernt, arbeitet an Dampftagen eine Wolf´sche Kesseldampfmaschine. In Thale ist Dank der hohen Einsatzbereitschaft des Museumsvereins die Walzenzugmaschine erhalten geblieben und kann durch einen elektrischen Antrieb in ihrer Arbeitsweise vorgeführt werden. Besondere „Highlights“ aber sind die Dampflokomotiven der Harzer Schmalspurbahnen und eine kleine betriebsfähige Nassdampfmaschine in der Klosterbrennerei Wöltingerode von 1994 mit einer Leistung von 15 PS.

Meine kleine Dampfmaschine hat seit einigen Jahren eine etwas modernere Schwester der Firma wilesco erhalten, die Modelle von Bohrmaschinen, Sägen und Hämmern antreibt. So können beide an „meinen Dampftagen“ lustig um die Wette dampfen.

Manfred Schubert, Halberstädter und Dampfmaschinenliebhaber

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