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20. Dezember 2017

Mein Sagenschatz

In einer Zeit, die geprägt ist von Schnelllebigkeit und Vergänglichkeit, in der Beziehungen, wie Haushaltsgeräte weggeworfen oder umgetauscht werden, anstatt sie zu reparieren, möchte ich die Kostbarkeiten im Blick behalten, die unsere frühe Ahnen uns überantworteten. Was war unseren Vorfahren wichtig oder heilig?

Sagenhafte Geschichten aus Halberstadt und aus dem Harz | Der Teufelsstein vor dem zu Halberstadt

Vielleicht kann uns dieses Wissen ja helfen, das Hier & Jetzt achtsamer anzuerkennen und wertzuschätzen?!

Aber welche Schätze dieser Ahnen haben denn die Zeiten bis heute überdauert? Zum einen leuchten uns die steinernen Merkwürdigkeiten der Umgebung – wie den Kammern der Klus, der bearbeitete Fels des „Gläsernen Mönches“ oder der Teufelsstein vorm Dom – von den Bergrücken und den großen freien Plätzen entgegen. Manche loben den Schatz unserer „glaubhaft dokumentierten Geschichte“ in den Himmel, ohne zu wissen, dass Geschichte zumeist „verfärbt dargestellt“, weil vom Sieger geschrieben wurde. Ich hingegen, bin begeisterter Fan vom Schatz unserer Sagenwelt. Streift man die Gewänder der Verballhornung oder Verteufelung von solchen Erzählungen ab, wird uns ihr Sinn (also der wahre Kern einer Sage) offenkundig.

„Gedenkt meiner und eurem Versprechen!“, soll der Teufel einst gesagt haben, als er den Teufels- oder Lügenstein mit aller Wucht mahnend zu Füßen der Menschen warf. Der Höllenfürst persönlich hatte versehentlich geholfen, ein Gotteshaus zu bauen. Er meinte, die Menschen würden ein Wirtshaus errichten, um dort ihre Seelen zu versaufen. Als der Teufel aber seinen Fehler bemerkte und mit dem Teufelsstein den Dom zerschmettern wollte, baten die Menschen um Gnade und versprachen, ihm sein Wirtshaus zu bauen. Das Versprechen hielten sie!

Heute wissen wir einiges vom wahren Kern dieser Sage: Noch bevor das Christentum in unserer Gegend ansässig wurde und die erste Kirche entstand, gedachten die Menschen am Teufelsstein der alten Götter und sprachen Recht. Zum Beispiel wollen einige Ortsnamensforscher Halberstadt von „Halfurtesstett“ ableiten, der „heiligen Stätte an der Furt“. Heutige Ideen der Rechtsprechung, wie „Aussprache und Wiedergutmachung“, lassen sich bereits aus den alten Sagen vom Lügenstein herauskristallisieren.

Wie kann uns diese Sage vom altheiligen „Gerichtsstein“ aber in unserem heutigen Rechtsverständnis helfen? Unsere Vorfahren kamen regelmäßig im Jahr zu Volksfesten zusammen. Vor eben jenen Feierlichkeiten gingen sie in sich und sprachen dann Ungerechtigkeiten offen an. Wie oft und offen erkunden wir heute unser Herz? Gibt es Dinge, die wir anderen oder uns selbst nicht verzeihen können und die wie Steine auf unseren Schultern lasten? Können wir eigene Fehler eingestehen und um Verzeihung bitten? Sind wir um Wiedergutmachung und Aussöhnung bedacht?

Die Geschichte vom Teufelsstein ist nur ein Beispiel dafür, welcher Schatz den alten Erzählungen innewohnt. Manche Sagen erzählen von Jahreskreisritualen, von der Magie der Kräuter, von Kraftorten oder dem Humor, den wir brauchen, um uns nicht von den Unwettern des Lebens verängstigen zu lassen. Ein wahrer Wissens- und Erfahrungsschatz, den die Mitglieder unserer Interessensinitiative „Sagenhafter Harz“ im hauseigenen Archiv wieder ausgraben, um sie neu zu verschriftlichen und sie auf Facebook oder in Büchern allen Heimatliebenden zur Verfügung zu stellen. So ist z.B. im Winter 2017, unser zwölftes Buch „Sagenhaftes Halberstadt“ entstanden.

Carsten Kiehne, Initiator von Sagenhafter Harz

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