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03. April 2019

Blick-Winkel in Halberstadt

Es gibt viele Städte in Deutschland, in denen ich noch nie war. Bis vor fünf Jahren gehörte Halberstadt dazu. Außer Harz und Würstchen regten sich bei mir keine Assoziationen.

Hartmut Helms

Erst im Frühjahr 2014 bin ich bei Blankenburg von der B6n abgebogen, um anschließend, an quittegelben Rapsfeldern entlang, auf Halberstadt zuzufahren. Was für ein majestätischer Anblick und was für eine Silhouette sich hinter der Wilhelmshöhe, damals wie heute, auftut! Zum Harz und den Würstchen fügte ich viele Kirchtürme und eine neue Wohnanschrift hinzu.

Seitdem hat sich unser Leben, und damit meins, radikal verändert. Erst ganz allmählich begann ich zu begreifen, dass nicht nur der Dom, die vielen Kirchen, die Museen, das Theater, das Gleimhaus oder das erstaunliche John-Cage-Projekt die Schätze der Stadt sind. Für mich persönlich sind es die vielen unterschiedlichen Blick-Winkel, die sich hier überall und unverhofft ergeben. In den vergangenen fünf Jahren habe ich, wenn ich in der Stadt oder ihrem Umland unterwegs war, das Sehen neu gelernt und das Fotografieren für mich entdeckt:

Ein Greifvogel, der hoch über den Dächern majestätisch seine Kreise zieht; ein liebevoll geschmücktes Fenster eines Fachwerkhauses zu den Weihnachtshöfen; ein Specht, den ich von meinem Balkon beim Madensuchen beobachten kann; ein Glockenspiel, das zur vollen Stunde den „Swanee River“ intoniert; der weite faszinierende Blick über die Stadt von den Türmen der Martinikirche; ein Heißluftballon, der direkt über dem Brockplateau schwebt; der Klang der Domglocken, der die Stadt zu umarmen scheint; ein mitreißender Konzertabend im Papermoon; eine verschwenderische Vielfalt gebrannter Tonkunst auf dem Domplatz; die zufällige Bekanntschaft mit einer großartigen Künstlerin und vieles mehr. Überall in der Stadt entdecke ich Geschichte und Geschichten, wie bei einer Schatzsuche.

Der rastlose Rocker in mir hat hier die Faszination der Zeit entdeckt, die Ruhe und Gelassenheit, sich den einmaligen Momenten zuzuwenden, ehe sie wieder entschwinden. Es sind Schätze, die man nicht mit den Händen fassen, wohl aber in seinen Gedanken und Erinnerungen aufbewahren kann. Schätze, die mich reich, statt wohlhabend machen. Fünf Jahre Halberstadt haben mich verändert und sind der Grund, weshalb es in meinem 70. Lebensjahr glücklicherweise keinen Stillstand und gleich gar keinen Ruhe-Stand gibt. Das, so scheint es mir, ist der schönste Schatz, den ich, den wir hier in Halberstadt gefunden haben.

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